Home
Intern
veröffentlicht am 14. Juni 2019 | Lesedauer ca. 6 Minuten
Autor: Marc Tschirner
Der Dämon unter der bemalten Haut: Teil I Seit Jahren häufen sich die Schlagzeilen in deutschen Zeitungen, dass Unternehmen und hochrangige Führungskräfte um Millionensummen betrogen werden. Gerade mittelständische Unternehmen wägen sich oftmals in trügerischer Sicherheit, da sie sich als zu klein für solche Angriffe empfinden. Eine fatale Fehleinschätzung.
Weltweit nimmt nämlich die Zahl der Unternehmen, die den immer ausgeklügelteren E-Mail basierten Betrugsversuchen zum Opfer fallen, dramatisch zu. Dazu bedarf es keiner ausgefeilten Hacking-Techniken, im Gegenteil, die Betrugsmasche ist in ihrer vermeintlichen Simplizität beinahe bestechend. Wenige Schritte genügen, um die Sicherheit Ihres Unternehmens gegen solche Angriffe von außen signifikant zu stärken und im Falle eines Vermögensschadens die Chancen auf Rückerlangung des Geldes zu erhöhen.
In der breiten Grauzone zwischen professionellem Hacking und dem hinlänglich bekannten Vorauszahlungsbetrug vornehmlich aus Nigeria initiiert, auch 4191 genannt, hat sich in den letzten Jahren mit Hongkong als Drehscheibe eine neue Betrugsmasche als Massendelikt etabliert, die auf „Social Engineering”2, cleverer Täuschung und der geschickten Verwendung öffentlich zugänglicher Informationen beruht. Dabei handelt es sich um den CEO Fraud einerseits und andererseits in einer Variante desselben um den Payment Diversion Fraud, auf den wir in einem gesonderten Beitrag eingehen werden.
Beim CEO Fraud nehmen die Täter nach detaillierter Recherche und meistens mit gefälschten E-Mail-Adressen Kontakt zu Mitarbeitern von Unternehmen auf, geben sich als Führungskraft oder Lieferant aus und veranlassen die Mitarbeiter unter Vorspiegelung einer betrieblichen Transaktion oder einer vermeintlich legitimen Rechnung zur Überweisung größerer Geldsummen ins Ausland. Als Transferziel werden in der Regel Banken in Hongkong, aber auch direkt in der Volksrepublik China angegeben. Zwar erscheint das als ein sehr einfach zu durchschauender Trick, aber viele Unternehmen überweisen ständig größere Beträge ins In- und Ausland und somit ist ein derartiger Vorgang für den Mitarbeiter in der Finanzbuchhaltung per se nicht außergewöhnlich. Die Anweisungen des Täters weisen in der Regel darauf hin, dass eine sofortige Überweisung geboten ist, wobei die Begründungen für die vorzunehmende Zahlung unterschiedlich sind. Vorwiegend handelt es sich um eine angeblich unaufschiebbare und äußerst sensible Transaktion, bspw. um einen wichtigen Vertragsabschluss abzuwickeln oder um einen größeren Verlust für die Firma abzuwenden. Berater und Aufsichtsbehörden sind ebenfalls oft Teil eines solchen Szenarios.
Täter bauen darauf, dass die firmeninterne Beziehung zwischen der für die Zahlung verantwortlichen Person und dem Auftrag gebenden „Geschäftsführer” so ist, dass der Zahlungsauftrag nicht als ungewöhnlich erscheint. Funktioniert die Vorgehensweise nicht, sind Täter darauf bedacht, geschickt den Druck zu erhöhen oder versuchen, sich die in vielen insbesondere klein– und mittelständischen Unternehmen vorhandenen patriarchalischen Führungsstrukturen und starken Hierarchiegefüge zu Nutze zu machen, was in beiden Fällen dazu führt, dass der Auftrag ohne Nachfrage ausgeführt wird und dabei im schlimmsten Falle existierende Prozessvorgaben, wie das Vier-Augen-Prinzip, umgangen werden.
Der Fachbegriff für solche Delikte lautet in chinesischen Polizeikreisen „Huàpí zhàpiàn”, was sinngemäß so viel bedeutet wie „Betrug mit der bemalten Haut”. Die Begrifflichkeit geht auf eine Erzählung aus den Liáozhāi Zhìyì, „den seltsamen Geschichten aus dem Studierzimmer” zurück, einer Sammlung von 500 Mythen und Legenden, Volksmärchen, Fabeln, zeitgenössischen Anekdoten und Kriminalfällen aus dem 17. Jahrhundert des Autors Pu Songling.
In der Geschichte verfällt ein Gelehrter namens Wang einem bildschönen obdachlosen Mädchen, welches er am Wegesrand aufliest und bei sich aufnimmt. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Romanze, doch die Schönheit des Mädchens ist nur ein Trugbild und entpuppt sich als eine übergestülpte „schön bemalte” Haut unter der ein grässlicher Dämon sein Dasein fristet. Wang versucht den Dämon zu vertreiben, doch dieser gerät in Wut, reißt Wang das Herz heraus und frisst es auf.
Die Folgen in der Realität sind weniger blutig, aber nicht minder erschreckend. Laut Schätzungen des amerikanischen Federal Bureau of Investigation (FBI) haben diese und vergleichbare Delikte jährliche Zuwachsraten von weit über 100 Prozent und verursachten im Zeitraum von Oktober 2013 bis Dezember 2018 Schäden in Höhe von 12,5 Milliarden USD3. Nicht inbegriffen ist die hohe Zahl der Fälle, die nach wie vor im Verbogenen bleiben bzw. nicht zur Anzeige gebracht werden. Einer großen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft zufolge ergab eine repräsentative Befragung unter 500 deutschen Unternehmen, dass 40 Prozent der be-fragten Firmen innerhalb der vergangenen 24 Monate zumindest einmal zum Ziel einer „CEO Fraud”-Attacke wurden, wobei die Kriminellen in fünf Prozent der Fälle Erfolg hatten.4
Vereinfacht gesagt, handelt es sich bei der beschriebenen Vorgehensweise um eine Art Puzzlespiel, mit dem erfahrene Täter innerhalb weniger Stunden die notwendigen Vorbereitungen für ihren Betrugsversuch schaffen.
Der nächste Schritt besteht darin, eine fast täuschend echte E-Mail mit dem gefälschten Domainnamen an die Person zu versenden, die befugt ist, Überweisungen anzuweisen. Durch die sehr geschickt hergestellte Ähnlichkeit der E-Mail-Adresse glaubt der betroffene Mitarbeiter, eine E-Mail von seinem CEO zu erhalten, in der er aufgefordert wird, umgehend eine Überweisung auf ein bestimmtes Bankkonto zu senden – selbstverständlich zusammen mit einer plausiblen Erklärung, warum das Geld überwiesen werden soll.
Gleichwohl ein Teil Chinas, aber durch den politischen Status „Ein Land, zwei Systeme” bis 2047 gegenüber der Volksrepublik vertraglich abgesichert, stellt Hongkong mit seinem wirtschaftsfreundlichen Bankenumfeld und extrem liberalen Wirtschaftssystem einen gefundenen Nährboden für solche Transaktionen dar. Die unkomplizierte Gründung und Schließung von Gesellschaften sowie hohe Transaktionsvolumina sind für eine internationale Handelsmetropole nichts Ungewöhnliches. Viele der in der VR China ansässigen Täter, die in Hongkong über Scheingesellschaften und Bankkonten verfügen, nutzen den vorbezeichneten Status und die räumliche Nähe zur Volksrepublik für ihre kriminellen Zwecke aus. In der Regel verbleiben die betrügerisch vereinnahmten Gelder nur kurze Zeit in Hongkong, bevor sie dann anschließend sternförmig auf Konten in Hongkong, meist aber ins Ausland – mit Schwerpunkt in die VR China – weiterverteilt werden. Ein Umstand, der die Rechtsverfolgung zusätzlich erschwert. Aus diesem Grund ist bei der Einleitung von Wiederbeschaffungsmaßnahmen höchste Eile geboten.
1 § 419 ist der Strafrechts-Paragraph, der sich mit dem Vorauskasse-Betrug in Nigeria vor Erlass der Vorauszahlungsverordnung Nr. 13 im Jahre 1995 befasste. 2 Social Engineering (engl. eigentlich „angewandte Sozialwissenschaft”, auch „soziale Manipulation”) nennt man zwischenmenschliche Beeinflussungen mit dem Ziel, bei Personen bestimmte Verhaltensweisen hervorzurufen, sie zum Beispiel zur Preisgabe von vertraulichen Informationen, zum Kauf eines Produktes oder zur Freigabe von Finanzmitteln zu bewegen. (Quelle: Wikipedia) 3 FBI Public Service Announcement I-071218, “Business E-Mail Compromise the 12 Billion Dollar Scam”
4 PriceWaterhouseCoopers, Wirtschaftskriminalität in Deutschland, 2018
Dr. Thilo Ketterer
Diplom-Kaufmann, Wirtschaftsprüfer
Partner
Anfrage senden