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veröffentlicht am 29. Juni 2017
Die zahlreichen Entwicklungen und Trends innerhalb der Automobilindustrie beeinflussen neben den Original Equipment Manufacturer (OEM) derzeit v.a. die Zulieferer und deren Zukunfts- sowie Handlungsfähigkeit. Denn Automotive Supplier spiegeln heutzutage nicht nur mehr reine Zulieferer oder gar verlängerte Werkbanken: Sie entwickeln und erproben die wesentlichen Bauteile und Komponenten für die OEM und tragen somit eine konkrete unternehmerische Verantwortung. Die Aufmerksamkeit sollte daher bereits heute auf sie gerichtet sein, um Veränderungen auf dem Markt entgegenzuwirken und Risiken im Geschäftsmodell frühzeitig zu erkennen. Wechselwirkungen zwischen OEM und Automobilzulieferer sind existenziell sowie hauptsächlich vom Markt gelenkt.
Die Akzeptanz der Verbraucher bezüglich des Elektrofahrzeugs im deutschen Fahrzeugmarkt wird gefördert – v.a. durch die derzeitigen Diskussionen um Schadstoffbelastungen im Straßenverkehr. Die derzeitige Elektromobilitätsstrategie in China sorgt für einen Umbruch in der Automobilindustrie: China plant bis 2020 bis zu 12 Mio. Elektrofahrzeuge. Dieser Markt ist momentan treibend für die gesamte weltweite Automobilindustrie.
Die aktuellen Forschungen in der Batterietechnologie laufen in Deutschland auf Hochtouren: Daimler hat bereits für das Ende nächsten Jahres ein Elektrofahrzeug mit 500 km Reichweite angekündigt. Das für das Elektrofahrzeug hemmende Reichweitenproblem könnte somit bald erledigt sein.
Der Elektrofahrzeug-Trend birgt allerdings auch Risiken: Ein Antriebsstrang (auch bekannt als Power-Train) benötigt für einen Elektromotor weitaus weniger Teile als für einen Verbrennungsmotor. Antriebs- und Getriebekomponenten, heute bekannte Betriebsmittel wie Öle und Schmierstoffe oder etwaige Vibrationselemente für NVH (Noise Vibrations and Harshness)-Anforderungen fallen beim Elektrofahrzeug restlos weg oder sind nur in klein dimensionierten Ausführungen vorzufinden. Ein Elektro-Power-Train benötigt in etwa 10-mal weniger Teile als ein konventioneller mit Verbrennungsmotor. Dafür steigen die Anforderungen an die elektromagnetische Verträglichkeit innerhalb der Fahrgastzelle.
Schon heute können Fahrzeuge teilautonom oder gar vollautomatisiert bestellt werden. Neben der Automobilindustrie testen auch IT-/automobilfremde Konzerne (u.a. Google, Apple) wie zukunftsträchtig diese neue Art des Fahrens ist. Das autonome Fahren birgt allerdings auch Gefahren bei der IT-Sicherheit. Ein einheitlicher Standard, um Fahrzeugdaten zu sichern oder vor Hackerangriffen zu schützen, existiert derzeit nicht. Für eine flächendeckende Ausbreitung fehlt zudem noch das nötige Vertrauen in die Technik seitens der Verbraucher.
Der damit steigende Individualverkehr belastet die Innenstädte. Innovative Mobilitätskonzepte (wie z.B. Buslinien mit intelligenter, individueller Route) bedienen die Wünsche der Verbraucher und verringern zugleich die Stauwahrscheinlichkeit erheblich. Derartige Konzepte werden die Stückzahlen in der Automobilindustrie empfindlich beeinflussen.
Displayhersteller werden mit neuen Technologien wie OLED oder QLED für die Automobilhersteller immer interessanter. Die steigende Vernetzung von Fahrzeugen und Fahrzeugsystemen fordert Know-how aus dem Bereich IT und von Softwareherstellern, die bereits Erfahrung und Kompetenzen in der Kommunikationstechnik gesammelt haben. Alle OEM pflegen bereits heute viele strategische Partnerschaften mit den großen IT-Häusern.
Übermittlung von Qualitätsdaten sowie eigenschaftsspezifische Daten von Bauteilen und Baugruppen an die OEM stellen einen neuen Standard dar und fordern massiv die Zulieferer. Dieser Standard betrifft v.a. Tier 2- und Tier 3-Zulieferer. Bei Bauteilversagen kann so auch Jahre nach der Auslieferung des Fahrzeugs z.B. ermittelt werden, in welcher Charge mit welchen Toleranzen Fahrzeugteile und Komponenten gefertigt wurden.
Das ist auf das veränderte Kaufverhalten in den EU- und NAFA-Märkten zurückzuführen. Mehr Varianten bedeuten höhere Verblockung einzelner Technologien sowie Plattformen.
Um die CO2-Ziele zu erreichen, ist der Leichtbau in Fahrzeugbau unabdingbar. Der Verband Deutscher Ingenieur (VDI) prognostiziert, dass bis 2020 der Anteil von konventionellem Stahl von nur etwa 20 Prozent des Gesamtwerkstoffmixes eines Fahrzeugs ausmachen wird. Innovative Werkstoffe wie Polymere/Komposite oder Aluminium werden künftig die Zusammensetzung der Fahrzeugkarosserie dominieren. Aufgrund der guten Verformbarkeit und gleichzeitiger Festigkeit werden allerdings hoch- und höherfeste Stähle dennoch in Fahrzeugen vorhanden sein.
Mit den neuen Werkstoffen ändern sich auch die Fertigungsverfahren. So eröffnet die additive Fertigung (auch bekannt unter dem Begriff 3D-Druck) sowie das Fügeverfahren Kleben völlig neue Möglichkeiten zur Fertigung und Fügen von Fahrzeugkomponenten. Bereits heute verwendet Volkswagen im GTI sowie im GTE Teile aus dem 3D-Drucker. Angesichts des prognostizierten Rückgangs der Stückzahlen werden diese Verfahren realistische Positionen in der Industrie einnehmen können.
Bauteile und Baugruppen können dank der neuen Möglichkeiten der Digitalisierung neue Potenziale (auch marktübergreifend) ausschöpfen. Der Einsatz sog. Radio-Frequency-Identification-Transponder (kurz RFID-Transponder) kann die Value-Chain deutlich transparenter machen – z.B. bei der Übermittlung von Standortinformationen, Produkteigenschaften, Informationen zur Oberflächenbeschaffenheit und dergleichen.
Diese Informationen allein zu erfassen wird nicht ausreichen, um alle Potenziale der Digitalisierung auszuschöpfen. Mit der Erhebung von Eigenschaftsdaten werden auch ganz neue Potenziale möglich. Die intelligente Datenverarbeitung mittels KI-Algorithmen ermöglicht es z.B. mögliche Defekte an Bauteilen zu prognostizieren, bevor sie einen Ausfall verursachen. Auch können sie in großen Datenmengen verarbeitet werden (Big Data). Mit „Predictive Maintenance” sind die vorhergesagten Ausfallwahrscheinlichkeiten gemeint, die dazu genutzt werden können, dem Kunden umfassende Wartungsdienstleistungen anzubieten und entsprechende Ersatzteile geplant abzusetzen. So können hybride Geschäftsmodelle entstehen, die sowohl auf die Produktion als auch auf Dienstleistungen im After-Sales-Bereich wirken und es dem Automobilzulieferer ermöglichen, sich solide im Markt zu positionieren.
Nur so kann in der sich schnell drehenden und international agierenden Automobilindustrie die Wettbewerbsfähigkeit sowie die Marktpositionierung weiter sichergestellt werden.
Automobilzulieferindustrie – Interdisziplinäre Einblicke in die Branche
Jens Hinkelmann
Leiter Geschäftsfeld Unternehmens- und IT-Beratung
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